Winter im Kleingarten

Winterkinder.

Verrückt ist das. Monatelang fällt mir nicht wirklich was ein, über das es sich zu schreiben lohnt. Und dann kommt so ein Nachmittag wie heute – hellgrau, kalt, verschneit, mitten im Winter. Und ausgerechnet von diesem Tag, einem Mittwoch im Januar, möchte ich euch erzählen.

Der Vormittag war stressig. Drei Aufträge mussten druckfertig gemacht und verschickt werden, das Telefon klingelte ununterbrochen und minütlich trudelten neue Mails ein. Ich saß am Küchentisch, denn weiter war ich nach dem Frühstück noch nicht gekommen. Irgendwann zwischen Druckauftrag Eins und Zwei beschloss ich zu duschen. Mein Zeitgefühl war trotz der vielen Deadlines ein bisschen durcheinander geraten. Draußen schneite es seit Stunden und alle Geräusche wurden gedämpft, das Licht war auch anders. Daher war ich überrascht, als es plötzlich 14 Uhr war, ich immer noch nicht zu Mittag gegessen hatte, aber immerhin waren die wichtigsten Aufgaben erledigt. Zur Stärkung gab es eine flotte Gemüsesuppe und danach kam mir meine Arbeitsmotivation ungefragt abhanden. Sie kam auch nicht zurück. Das tut sie manchmal, ist nichts neues und ich wusste, ich brauchte nicht auf sie zu warten.

Kurzerhand klappte ich das Laptop zu, packte die Kamera ein und fuhr in den Garten. In der Satdtwohnung bekommt man immer so beunruhigend wenig mit von der Welt. Man sieht  nur ein kleines Himmelsfenster, das aber überhaupt nicht repräsentativ ist. Man kann die Straße hoch- und runterschauen, aber sieht nicht wieviel Schnee auf Grünflächen liegt. Man hört die Autos nicht, weil die Geräusche von den Häuserreihen verschluckt werden, ebenso wie Licht und Luft. Glücklicherweise gibt es meinen kleinen Garten, der in solch ausweglosen Situationen immer eine Lösung hat. Schon das Knirschen unter meinen Füßen, sobald ich den langen Weg durch die Anlage betrat, bereitete mir große Freude. An meinem Törchen angekommen, stand ich erstmal staunend da. Sicher, ich habe schon deutlich mehr Schnee gesehen, aber der kleine Garten war in den letzten fünf Jahren noch nie so tief verschneit. Ich schoss ein paar Fotos und erfreute mich an der perfekten weißen Schneedecke und all den weißen Häubchen auf Pflanzen und Zäunen. Heute lernte ich den Kleingarten nochmal aus völlig neuen Perspektiven kennen.

 

Winter im Kleingarten

 

Winter im Kleingarten

Nach einer Weile vergaß ich wieder einmal die Zeit und fand mich schneeballrollend auf der Wiese wieder. Völlig klar, drei große Kugeln mussten geformt werden. Vielleicht auch vier. In meinem Kopf entstand ein Schneemann, der unbedingt gebaut werden musste. Handschuhe hatte ich nicht eingepackt, aber so was braucht man auch nicht wirklich. Der kleine Garten ist, nun ja, klein. Daher musste ich für drei große Schneemannkugeln nahezu jeden Fleck des Grundstücks abrollen. Ich hatte vergessen, wie anstrengend das sein kann. Und wie schwer solche Kugeln sind. Inzwischen nahm der Schneefall wieder zu und es dämmerte bereits, als ich fieberhaft nach einer Nase für den Schneemann suchte. Irgendwann fiel mir die vergessene Rote Bete ein, die ich kurzerhand unter der Schneedecke aus dem Beet zog und dem Schneemann ins Gesicht pappte. Wunderbar. Jetzt sah er aus, wie ich ihn mir ausgemalt hatte. Zum Abschluss gab’s einen silbernen Eimer auf den Kopf und nun steht er da, als stiller Gartenwächter und gibt Acht.

Winter im Kleingarten

Winter im Kleingarten

Winter im Kleingarten

Mit roten Händen und rotem Gesicht machte ich mich auf den Heimweg. Keine Ahnung, wieviel Zeit inzwischen vergangen war, aber es ist ja auch so herrlich egal. Es kann so einfach sein, aus dem Alltag zu entfliehen. Und es ist so herrlich erfrischend, eine Weile mal nicht erwachsen zu sein, sondern einfach zu tun, was einem in den Sinn kommt. Für viele dieser Dinge wird man nämlich nie zu alt. Nun sitze ich schon ein paar Stunden wieder zu Hause unter der warmen Decke und freue mich immer noch wie eine Schneekönigin über mein völlig neues Kleingartenerlebnis.

 

Winter im Kleingarten