Blick aufs Meer

2020

Ein Jahr, das meinen Optimismus herausgefordert hat.

Der September ist für mich immer schon eine Zeit des Umbruchs gewesen. Früher war es das neue Schuljahr, später das neue Semester, schon immer ist es der Wechsel zwischen Sommer und Herbst. Und heute ist es vielleicht diese mitschwingende Melancholie, die mich nach langer Zeit mal wieder ein paar Zeilen schreiben lässt.

Ich gehöre in diesem Jahr zu den Glücklichen, die einen unbeschwerten und befreienden Sommerurlaub genießen durften, ich habe unfassbar viele Sonnenstunden im Garten verbracht, bin gesund und habe immer noch genug Arbeit um meine kleine Firma sicher weiterzuführen. Meine Familie ist gesund, meine Freunde auch. Kaum ein Grund zu jammern und dennoch schlug mir das alles an manch scheinbar vergeudetem Sommerabend auf die Stimmung.

Letztes Jahr um diese Zeit geriet meine Welt kräftig aus den Fugen. Heute scheint sie wieder in der Spur zu sein, trotzdem wird mir beim Rückwärtsdenken manchmal schwindelig. Das waren 12 äußerst turbulente Monate, trotz und wegen Corona. Der Winter war hart und die mit dem Frühling verbundene Hoffnung auf frische Energie hat das Virus einfach ausgebremst. Dann hat es uns die lauen Sommerabende mit Freunden geklaut, Konzerte, Feiern und beinahe den Urlaub. In diesem Jahr waren alle Tiefs tiefer und die Höhen nicht ganz so hoch. Eine Herausforderung jagte die nächste und dann gab es all diese Dinge, die für ein Virus nicht relevant sind: Sorgen, Hunger, Liebeskummer. Es ist viel schönes passiert, aber auch viel trauriges. Zu vieles musste sich die Aufmerksamkeit mit Corona teilen. 

Letztes Jahr um diese Zeit war nicht nur meine Welt noch eine andere.

Letzte Jahr um diese Zeit sah mein Plan vom Leben anders aus. Spätestens dieses Frühjahr hat gezeigt, dass gerade nicht die Zeit für Pläne ist. Schon gar nicht für solche, die man vielleicht eh längst hätte hinterfragen sollen. Letztes Jahr um diese Zeit dachte ich noch, ich muss bald wieder aufs Land ziehen, dort ein großes Haus auf großem Grundstück kaufen, es mit Kindern füllen und dort die nächsten 30 Jahre verbringen. Ich hatte eine klare Reihenfolge im Kopf, wie das Leben in unserer Gesellschaft zu laufen hat. In der Theorie wissen wir alle, dass jeder seinen eigenen Weg finden muss. Bis man das aber wirklich verinnerlicht hat und sich von vorgefertigten Mustern verabschiedet – das dauert. 

Heute habe ich einen neuen Weg eingeschlagen. Einen, auf dem ich plötzlich leichter gehe. Heute habe ich ein Haus gekauft. Ein klitzekleines Haus auf klitzekleinem Grundstück. Am Stadtrand. Und mit jedem Tag fühlt es sich richtiger an. Ich baue dort nun meine Welt, wie sie mir gefällt. Alles wird seinen Platz haben – der ganze Alltagskrempel, die Überraschungen des Lebens, lustige Stunden, traurige Minuten, Chaosmomente und Überforderung. Pure Zufriedenheit, Freiheit und Unbeschwertheit ziehen auch mit ein. Es wird großartig, das kleine Haus.

Bleibt mutig. Egal, was ist, es kann sich so schnell ändern.
Auch zum Guten. 

Vorne ist nämlich da, wo sich niemand auskennt. Es kann also nichts schief gehen! 

Und nächstes Jahr um diese Zeit… wer weiß das schon.
Es wird September sein. 

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